Einmal ganz unter uns

Der Wunsch nach Privatheit ist vorbei: Spätestens nach einem acht Zeilen langen Statement von Facebook Gründer Mark Zuckerberg  glaubt ein Teil der Internetgemeinde, dass wir in der postprivaten Ära leben. Ist dem so?

„Die Leute sind mittlerweile damit vertraut, Informationen verschiedener Art offener und mit mehr Leuten zu teilen“, sagte Facebook-Präsident Mark Zuckerberg bereits im Januar 2010. Deshalb hätte er die Privacy-Politik seines Unternehmens geändert. Informationen bei Facebook seien nicht mehr nur Freunden zugänglich, sondern sollen von allen eingesehen werden. Das hat er  für die User entschieden, weil er denkt, dass diese die maximale Öffentlichkeit wollen.

Die Reaktion darauf: Man läutete das „Ende der Privatheit“ ein und meinte nun, dass mit der Generation der „Digital Natives“ der Wunsch nach Privatsphäre verschwinden werde. Man braucht sich also bald schon keine Gedanken mehr um den Schutz des Privaten machen. Tatsächlich? Wer täglich mit jener Generation zu tun hat, für die ein schnelles Foto mit dem Handy mehr sagt als tausend Worte, denkt anders.

„Digital Natives“ pflegen ihr Profil in sozialen Netzwerken regelmäßig, haben einen „Haufen Freunde“,  tauschen online vertrauliche Informationen aus, geben ohne Bedenken ihre Vorlieben und Abneigungen preis und lieben ihr Handy, das sie auch überallhin „mitschleppen“. Sie sind zudem im Netz „offen und unbekümmert“. Nur: Fragen Sie doch einmal, ob  die Mütter oder Väter ebenfalls über diese Informationen verfügen.

Nicht? Tja…

Das JFF – Institut für Medienpädagogik hat im Rahmen der Studie „Das Internet als Rezeptions- und Repräsentationsplattform für Jugendliche“ folgende symptomatische Aussage einer 16jährigen erhoben: Sie nutze soziale Netzwerke, weil sie ihre „ganzen Privatsachen drinnen habe und alles machen kann, ohne dass meine Mutter mir beim Telefonieren zuhört.“ Wie „Digital Naives“ früher mit ihren verschließbaren Tagebüchern stecken Jugendliche mit ihrem Facebook-Account ihren persönlichen Raum ab, den zu betreten erst demjenigen möglich ist, der die Erlaubnis dazu hat. Es ist der Ort, an dem der Account-Inhaber  bestimmt; ein Raum, der ihm „allein gehört“.

Diesen Wunsch haben nicht nur Jugendliche. Lauschen Sie doch einmal den Klagen einer 35jährigen, deren Schwiegermutter einen Schlüssel zu ihrer Wohnung hat. „Ich habe schon alles versucht: Mein Mann findet nichts dabei, aber ich!“, erzählt sie. Der Mann bekäme ja nichts mit; er sitze den ganzen Tag in der Arbeit. Sie aber müsse damit leben! Ihre Schwiegermutter besuche sie, wann immer sie wolle. Einfach so, ohne Ankündigung. „Eigentlich fühle ich mich nur frei, wenn wir im Urlaub sind“, sagt sie. Das Gefühl aber, dass Unbefugte ihre persönlichen Sachen durchstöbern könnten, verliere sie nie.

Wir alle – „Digital Natives“ wie „ Naives“ – haben also durchaus ein feines Gespür dafür, was unsere Privatsphäre ausmacht.  Leider können wir es oft nicht ins WWW übertragen. Wir sehen nur das Gegenüber – den Freund auf der anderen Seite. Ihm kann man doch vertrauen – nicht?

Wir sehen nicht „die Anderen“: Website-Betreiber, Online-Analysefirmen und Apps-Anbieter.