Internet-Burn-Out

Privacy war gestern? Jeder will, das alle wissen was er wann, wie, mit wem, wie lange, warum und wie oft macht? Ach ja? Die Post-Privacy-Ära kann beginnen. Aber ohne mich. Hilfslos scheint man der Datensammelwut ausgesetzt zu sein. Ohnmächtig, manchmal. Klar habe ich meine Bedenken, aber paranoid bin ich noch lange nicht. Mir liegt eben sehr viel an einer Balance zwischen Vertrauen und Transparenz gegenüber allen anderen im Internet. Das ist doch auch in Ordnung, oder?

Post-Privacy-Ära heißt doch noch lange nicht, sein Wunsch nach Selbstbestimmung aufgeben zu müssen. Langfristig darf sich keine Parrallelwelt durch das Internet aufbauen. Wahrscheinlich sind Abkopplungsbestrebungen etwas wie Blasen, wie sie in Zyklen bekannt sind. Auf kurze Sicht kann es durch Instransparenz und unterschiedlich verteilten Informationen dazu kommen, dass Blasen entstehen. Aber das Platzen einer Blase, die dadurch entsteht, dass sich Erwartungen zu weit von der Realität entfernen, ist vorbestimmt. Es ist doch jeder für sich paranoid, der sich im Internet eine zweite Identität aufbaut und damit lebt. Das verschwendet aus meiner Sicht viel zu vile Ressourcen, die wir sicher besser verwenden könnten. Was wäre eigentlich, wenn jeder strikt die reale und die Onlineidentität verschmelzen lässt?

Zusammenhang von Vertrauen und Transparenz

Zusammenhang von Vertrauen und Transparenz

Die Post-Privacy-Ära ist für mich nicht Zukunft, sondern eine Bedrohung, die durch das frühzeitige Platzen der Blase abgewendet werden kann. Ich möchte gern dazu beitragen, dass diese unnatürliche Bewegung gestoppt wird, und wir uns wieder näher an der Realität bewegen.

Das Vertrauen und die Transparenz anderen gegenüber ist sehr stark miteinander verknüpft. Je mehr ich meinem Gegenüber traue, desto mehr Informationen bin ich gewillt, mit ihm zu teilen. Meinem besten Feund oder meiner besten Freundin vertraue ich sehr stark und dem entsprechend viel wissen diese Personen auch über mich. So ist die Realität. Ein Versuch den Zusammenhang grafisch darzustellen in der Abbildung.

Im Internet scheinen die Verhältnisse jedoch umgekehrt. Irgendwie wird man das ungute Gefühl nicht los, dass es auf bestimmten Wegen anderen möglich ist, mehr über mich zu erfahren, als mir wirklich lieb ist. Das kann nicht lange gut gehen. Ich meine, wir Deutschen sind ja tendenziell etwas überempfindlich, was den Schutz der Privatsphäre angeht. Aber ein ständiges Unwohlsein macht uns mürbe, heimlicher und wahrscheinlich auch krank. Krank nicht im Sinne von „Fuß gebrochen“ sondern eher psychisch angegriffen. Ein Internet-Burn-out-Syndrom. Ich will das einfach nicht. Von niemandem lasse ich mich nach und nach zermartern. Dann lieber das Haupt erheben und die Sache selbst in die Hand nehmen. Das ist meine Überzeugung.

Zusammenhang von Vertrauen und Transparenz mit Senkrechter

Zusammenhang von Vertrauen und Transparenz mit Senkrechter

Ich habe mich etwas länger mit dem Vertrauen-Transparenz-Verhältnis im Internet befasst. In einem Graph mit den zwei Achsen dargestellt, werden grundsätzliche Zusammenhänge erkennbar. Angenommen, ich habe keine Kontrollmöglichkeit über meine persönlichen Daten im Internet. Und meine Gegenüber im Internet sammeln fleißig einzelne Datenpunkte und reichern damit stetig mein Rootprofil an. Dieses Profil gibt dann sehr schnell Aufschluss darüber, wer ich bin, was ich mache, meine Vergangenheit, meine Zukunft und das Jetzt. Das ‚hier und heute‘ habe ich anscheinend im Griff. Ich werfe ja nicht freiwillig und unnötig Informationen auf den Markt. Allerdings vergisst das Internet nicht. Meine Möglichkeit der Einflussnahme ist sehr beschränkt. In der Grafik steht für diese Beschränkung die Senkrechte für den Extremfall, dass mir gänzlich keine Möglichkeit bleibt, mich so transparent zu geben wie ich möchte. Die Datensammler haben ungeahnten Speicherplatz und hören nicht auf, dem möglichen Profit aus meinem Profil hinterher zu jagen. Diese historischen Daten meiner Internetvergangenheit, das parallele Mitschneiden meines Surfverhaltens und die Suchanfragen, die ich eintippe, um den nächsten Urlaub zu buchen oder das nächste Auto zu kaufen machen mir Angst. Aber mich nicht ohnmächtig.

Trust Transparency RelationIn der Abbildung stellt der rote Bereich genau den Raum dar, den wir verhindern wollen. Ohne Vertrauen gibt es keine volle Transparenz im Internet Dritten gegenüber. Es ist die Asymmetrie zwischen Vertrauen und Transparenz im Internet, die uns latent unwohl macht, die uns aufreibt und der wir uns stellen sollten. Irgendwie müssen wir dieses wichtige Verhältnis symmetrischer gestalten, wenn wir nicht am Internet-Burn-Out leiden und erkranken möchten.