Aufklärung allein genügt nicht

Dass sich die „Native-Nutzer“ des Internets nach anfänglichem Interesse für die Kassandrarufe der Datenschutzsensiblen pragmatisch abwenden, vielleicht bei Facebook den Personenkreis der Internen noch einkreisen oder den ein oder anderen Sicherheitsklick bei manchen Dienstleistern vornehmen, dann aber die große weite Welt des www weiter ungetrübt nutzen, ist ein Erfahrungswert.


Datenschutz im Internet, das klingt wie ein rückwärtsgewandtes Aufbauen von Grenzen, wo wir doch im Zeitalter der Globalisierung gerade die nationalen und sonstigen Schranken, Zölle und wirtschaftliche Blockaden scheinbar abgeschafft haben.


Datenschutz im Internet riecht auch nach Kulturpessimismus der Ewigskeptischen, die uns Horrorszenarien einer 1984-World prophezeien, in der sich die Überwachung und Nutzung meiner freiwillig ins Netz gestellten oder – wegen meiner selbst oder anderweitig verschuldeten Unmündigkeit – im Netz kursierenden Daten, für Markt, Politik oder „No-Name Heuschrecken“ geradezu anbietet. Auch die Parole „Wissen ist Macht“ und seine Folgen, dass heute nicht mehr Staaten und deren Militärs die stärksten Mächte dieser Welt sind, sondern die Inhaber von digitalen Netzwerken, verhallt, sobald das erste Staunen darüber abgeklungen ist.
Eine Software anzubieten, die uns größere Datenschutzsicherheit im Netz anbietet , klingt gut, wirkt aber wie nach einem weiteren Versicherungsgeschäft im Versicherungsdschungel der vielleicht v.a. deutschen Sicherheitsbedürftigen.
Warum kommt gut gemeinte Aufklärung über Datenschutz im Internet noch so wenig an?


Es gibt so etwas wie einen Relevanzverlust der Werte, die sich hinter dem Datenschutz verbergen.
Die Würde der Person, das Verlangen auf Selbstbestimmung, das Bedürfnis nach Privatsphäre, die Unterscheidung von privater und öffentlicher Welt, die Unterscheidung von verschiedenen Rollen, in denen ich lebe aufgrund verschiedener Lebensbereiche (als Privatfrau in einem Soziogefüge handle, rede, kleide, schreibe ich anders als in meiner Rolle als Teil eines halböffentlichen oder öffentlichen Systems) sind sicherlich nach wie vor Grundlagen unserer Kultur und unserer Rechtsphilosophie, aber sie konkurrieren mit anderen Werten , deren Nutzen eine neue Comunity bevorzugt.


Während vor 20 Jahren noch ein öffentlicher Schrei durch die Bundesrepublik hallte gegen die Preisgabe von persönlichen Daten für die damalige Volkszählung, der als das „Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ im Artikel 2 des GG seinen gesetzlichen Niederschlag fand, empfindet der heutige Durchschnittsuser des Internets kein Unbehagen mehr, wenn Herr Zuckerberg oder andere Goliaths meine Daten verkaufen oder anderweitig verwenden.


Vielmehr gilt, dass der Nutzen des uneingeschränkten Datenflusses so angenehm und groß ist, dass der warnende Ruf nach Datenschutz fast überhört wird.


Zu diesem Nutzen gehört nicht nur, dass wir weltweit mehr, leichter, schneller, grenzenloser Kontakte haben, was privat und beruflich ein noch nie dagewesener Nutzen ist, sondern dass auch unser ganzes Denken und Handeln zumindest im Netz barrierefrei und schrankenlos zu sein scheint, was ein Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit vermittelt.


In der „Zeit“ vom 15.12.2011 schrieb Kerstin Bund in dem interessanten Kommentar „Meins ist Deins“ über das geänderte Konsumverhalten in unserer Gesellschaft. Sie sprach von einem Trend weg vom dauerhaften Besitz hin zum Mieten, Tauschen und Leihen von Konsumgütern . In zahlreichen Beispielen (Car-sharing, Couchsurfing, Haustausch, Kleiderbörsenevents usw.) stellte sie überzeugend dar, welche finanziellen Vorteile dieses veränderte Konsumverhalten hat, welche neuen Kontakte geknüpft werden und wie nachhaltig für die Umwelt dieser Trend sein kann.


Ein Nebeneffekt dieses neuen Marktes ist die „ neue Währung“ , nämlich der soziale Ruf, meine Zuverlässigkeit im Umgang mit dem temporären Besitz des Produktes oder der zeitweisen Nutzung einer Dienstleistung, alles nachzulesen auf der Plattform des jeweiligen Dienstleisters. Wann, wo und auf welcher Couch ich geschlafen oder welche Schlafstatt ich selbst angeboten habe, wie ich das Klo verlassen und welche Bewertung ich dafür erhalten habe, ist online nachzulesen. Die soziale Währung setzt nicht nur den gläsernen Kunden, sondern auch den gläsernen Gast, Bekannten oder Freund voraus. Aber das macht ja eigentlich nichts, denn dafür kann ich weltweit billig reisen, mieten und leihen und gleichzeitig viele neue Leute kennenlernen.
Dass persönliche Bewertung zur Ware wird, wird utilitaristisch akzeptiert oder wenigstens toleriert und dass wir mittlerweile in einer totalen Bewertungswelt leben, ist eine der Folgen dieses gesellschaftlichen Wandels, den wir im Internet, aber auch im Fernsehen (Castingshows), in der Geschäftswelt (Ratingagenturen) und auch im Privaten erleben. Die Preisgabe meiner Daten ist Teil dieses Denkens. Verträgt sich dieses mit Datenschutz?


Datenschutz klingt in diesem Zusammenhang geradezu moralisch, vielleicht ähnlich wie Klimaschutz oder Gesundheitsprävention.
Ist das nur etwas für Gutmenschen, für Weltverbesserer?


Die Erfahrungen aus der grünen Revolution müssten uns eigentlich ermutigen.
So wie die „Bewahrung der Schöpfung“ aus der wertkonservativen Ecke längst herauskam und zum common sense in unserer Gesellschaft mit großen Entwicklungspotentialen und eigenen Wirtschaftssektoren geworden ist, so wird auch der Datenschutz sein „coming out“ noch vor sich haben. Hoffentlich braucht es dazu keinen Tschernobyl- oder Fukushima-Effekt!


Aufklärungskampagnen allein jedoch, so scheint es, haben die ökologische Bewegung in den letzten 40 Jahren nicht in die Mitte der Gesellschaft geholt!


Umwelt- und Klimaschutz – und vielleicht auch Datenschutz- funktionieren vielmehr dort besonders gut, wo Synergien geschaffen werden: Datenschutz verbunden mit wirtschaftlichem Nutzen, sozialem Prestige, gesellschaftlichen Vorbildern und privatem Komfort (ästhetisch ansprechendes Design inclusive) oder bei Verstoß gegen ihn mit rechtlichen Sanktionen, wird der Internetuser nicht mehr ignorieren.
So utilitaristisch das klingt, so realpolitisch ist es leider.


Handlungsbedarf!? Und wie! Eine ganze Welt ist gefragt!