Ist die Post-Privacy-Ära zu Ende?

Facebook, Google & Co glauben noch immer, dass die technischen Entwicklungen Privatheit nicht brauchen. Sie würde diese nur behindern. Darüberhinaus entmündigen sie den Nutzer im Hinblick auf die Verwendung seiner privaten Daten und nutzen diese gnadenlos für den Kommerz. Doch Web-Privacy – der technische Datenschutz im Internet – zeigt: Das Zeitalter der „Freiheit im Netz“ ist für den Internetnutzer angebrochen.

Technologische Errungenschaften sollen den Menschen mit neuen Funktionen das Leben erleichtern und das Internet hat hierzu in den letzten Jahren einen großen Beitrag geleistet. Allerdings gehen die Annehmlichkeiten der „globalen Konnektivität“ einher mit der Schaffung des „gläsernen Konsumenten“, dessen Daten und Verhalten für vielfältige kommerzielle Nutzungen oder Einschätzungen über die Person herangezogen werden können. So darf man sich nicht wundern, wenn ein Kredit abgelehnt wird, weil man zu einer Risikogruppe gezählt wird oder im falschen Online-Shop einkauft. Personalchefs, die wegen der Fotos vom letzten Karneval auf der Facebook-Seite den Bewerber ablehnen. Chefs, die Mitarbeiter für nicht mehr leistungsfähig halten, weil sie die Begriffe rund um „Burn Out“ mehrmals bei Google gesucht haben. Mit jeder neu abgegebenen Information über einen Dialog, über ein publiziertes Detail oder mit einem Online-Einkauf können die persönlichen Profile ergänzt werden, die Online-Analyse-Unternehmen mithilfe ihrer Software in Sekundenschnelle auswerten und damit bestimmten Personengruppen zuordnen, deren Profile ähnlich sind. Aus dem Verhalten dieser Gruppe schließen sie dann auf das individuelle Verhalten und schon weiss man, welche Interessen vorhanden sind. Jetzt braucht man nur noch diejenigen, die für das Bekanntmachen dieser Interessen bezahlen und dieser bestens qualifizierten Zielgruppe ihre neuen Produkte anbieten können.

Inzwischen vergeht kaum ein Tag, ohne dass wir in den Medien über diese Praxis der Datensammler aufgeklärt werden. Die Empörung wächst und viele rufen nach Gesetzen, die dieser Entwicklung Einhalt gebieten. Allerdings gibt es hier noch die Herausforderung zu meistern, welche Gesetzgebung bei einem globalisierten Geschäftsmodell überhaupt in Frage kommt. Die  EU-Justizkommissarin Viviane Reding appellierte deshalb Anfang Februar an die EU-Behörden, sicherzustellen, dass in der neuen Google Datenschutzerklärung das EU-Recht vollständig erfüllt wird. Lori Andrews (Professor am  Chicago-Kent College of Law und Autorin des Buches „Social Networks and the Death of Privacy“) zum Beispiel forderte in der letzten Freitagausgabe der Süddeutschen Zeitung, Verbote im Bereich der Online-Profilierung analog zu den Gesetzen, die für Werbeanrufe erlassen wurden.

Doch es kann nicht darum gehen, die Online-Profilierung zu verbieten. Sie steht in Verbindung mit den Vorzügen und dem Erfolg von IT-Anwendungen, die heute niemand mehr missen möchte. Worum geht es also wirklich? Es geht um die freie Entscheidung des Einzelnen, wieviel von seiner Identität er im Internet preisgeben möchte. Diese Freiheit muss ursächlich beim Individuum liegen und nicht bei einem Datensammler. Und hier greift ein absolut legaler und gleichzeitig einfacher Ansatz: die Trennung pseudonymer Daten von der bürgerlichen Identität. Sprich, jeder kann für sich selbst entscheiden, was er wem von seiner wirklichen Indentität preisgibt, kann aber genauso Informationsrecherchen unter seinem Pseudonym im Internet betreiben, ohne dass er Nutzungseinschränkungen oder Ausgrenzungen von Informationen in Kauf nehmen muss. Auch beim Online-Kauf kann man sich entscheiden, ob man Korrelationen zu seinem Verhalten haben möchte oder eben nicht. Wenn man z.B. ein Konto bei Amazon hat, das ausschließlich auf den Erwerb von Kindergeschenken ausgerichtet ist und eines für die Kauf von Computerspielen, muß Amazon nicht automatisch erkennen, dass diese unterschiedlichen Konten einer bestimmten Person zugeordnet sind, es sei denn, ich möchte das so. Aber die Entscheidung darüber muß immer beim Nutzer liegen. Wenn Datenschützer empfehlen, Daten zu vermeiden, greift das zu kurz: Ohne auf Annehmlichkeiten im Internet zu verzichten, kann man unter verschiedenen Pseudonymen auftreten. Die Daten dieser Rollen sind separiert und nicht mehr mit der bürgerlichen Identität fest verbunden. Die Web-Privacy-Technik läutet endlich das Zeitalter der „Freiheit im Netz“ ein, damit noch mehr Anwender ohne schlechtes Gewissen die Vorteile der globalen Vernetzung genießen können.