Zensur im Internet

Vortrag des Tor-Entwicklers Jacob Appelbaum an der TU München

Diese Botschaft lag Jacob Appelbaum am Herzen: „The answer to bad speech is more free speech“ – in etwa: die Antwort auf missbrauchte Meinungsfreiheit ist noch mehr Meinungsfreiheit. Auf diese griffige Formel ließ sich Appelbaums Forderung nach einem zensurfreien Internet vereinfachen. Er erhielt dafür spontanen Applaus von den etwa 150 Zuhörern, die am Abend des 7. Februar nach Garching gekommen waren, um sich seinen Vortrag „Internet Censorship and the Tor Network“ anzuhören.

Gekommen war er auf Einladung der Free Secure Network Systems Group am Lehrstuhl für Netzarchitekturen und Netzdienste der Fakultät für Informatik der TU München.

Appelbaum ist Publicity gewohnt. Seit Jahren schon engagiert er sich für das Anonymisierungsnetzwerk Tor und zählt zu den wichtigsten Entwicklern. Er unternimmt viele Reisen in andere Staaten – auch und gerade in solche, wo die Meinungsfreiheit vom herrschenden Regime nicht gewährleistet oder sogar aktiv unterdrückt wird. Dort unterstützt er lokale Aktivisten durch Schulungen in der Nutzung des Tor-Netzwerks.

Natürlich nutzte Appelbaum seinen Vortrag auch, um den Sinn des Anonymisierungsdienstes zu erklären und für seine Nutzung zu werben.

Bereits auf dem letzten Kongress des Chaos Computer Clubs Ende 2011 in Berlin hatte Appelbaum beschrieben, wie eine ganze Reihe von Staaten versuchen, ihren Bürgern die Nutzung bestimmter Teile des Webs zu untersagen. Dabei handelt es sich keineswegs nur um Seiten, die aggressiv zum Sturz eines Regimes aufrufen – missliebige Blogs werden zum Teil ebenso gesperrt wie kritisch kommentierende NGOs wie Amnesty International. Teil der Blockade sind oft auch der Zugang zu Pornografie oder religionskritischen Seiten.  Mit Gusto erläuterte Appelbaum die eingesetzten Maßnahmen und zeigte, wie gesperrte Webseiten sich Nutzern aus verschiedenen Staaten darstellen.  Neben den zu erwartenden bedrohlich wirkenden Sperrhinweisen gab es auch comicartige und witzig wirkende Erläuterungen. Dies erzürnte Appelbaum aber auf besondere Weise: „Hier wird versucht, Zensur zu verharmlosen“.

Im zweiten Teil des Vortrags beschrieb Appelbaum dann Tor selbst.  Die Idee von Tor ist dabei so simpel wie durchschlagend. Aus einer großen Gruppe teilnehmender und öffentlich bekannter Rechner wählt ein Sender drei aus, über die eine Nachricht weitergeleitet wird. Die Nachricht wird dabei nach dem Zwiebelschalen-Prinzip mehrfach verschlüsselt. Jeder weiterleitende Rechner kann genau so viel entschlüsseln, wie er zur Weiterleitung der Nachricht an den nächsten Rechner benötigt. Nur der letzte Rechner sieht die wahre Nachricht und kann sie dem endgültigen Empfänger zustellen – aber weder er noch der Empfänger können sie dem Sender noch zuordnen. Ist die Nachricht zusätzlich zwischen Sender und Empfänger verschlüsselt, so kann auch der letzte Anonymisierungsrechner nicht an ihren Inhalt herankommen. Ermöglicht wird dies durch sogenannte asymmetrische Kryptographie.

Natürlich sehen zensierende Staaten dem Einsatz von Tor nicht einfach zu, sondern versuchen wiederum, Tor selbst zu blockieren. Der erste Schritt hierzu ist meist die direkte Blockade der bekannten Tor-Rechner innerhalb eines Landes, so Appelbaum. Tor reagierte darauf durch die Einführung geheimer Rechner, deren Adresse nur mit Aufwand und auf Umwegen in Erfahrung zu bringen ist. Während diese Maßnahme noch nicht vollständig gebrochen ist, so beobachten die Tor-Entwickler dennoch, dass eine Reihe von Staaten beachtliche Ressourcen investiert, um die Liste der geheimen Rechner herauszufinden. Appelbaum berichtete auch von Maßnahmen, die sich gegen die Kryptographie von Tor richten. So habe ein Staat zum Beispiel herausgefunden, dass bestimmte Parameter der Verschlüsselung vor allem von Tor verwendet würden und Tor auf dieser Basis dann blockiert. Die Tor-Entwickler reagierten darauf wiederum mit Änderungen an ihrer Software.  Appelbaum beschrieb die Entwicklung daher als Wettrüsten mit ungewissem Ausgang. Während die Tor-Entwickler zu immer mehr Änderungen an ihrer Software gezwungen werden, beginnen die Anti-Tor-Maßnahmen aber auch für die Zensoren schädigend zu werden. Denn die gleichen Parameter, die Tor nutzt, können auch von ganz legitimen und wirtschaftlich sogar wichtigen Webseiten genutzt werden, die dann unwillentlich ebenfalls der Zensur unterlägen.

Eines jedoch stellte Appelbaum klar: Die Bedeutung von Tor für Regimekritiker kann ganz enorm sein. Zum Teil stellt es ihre einzige Möglichkeit dar, einigermaßen ungefährdet mit der Außenwelt zu kommunizieren. Da viele Regimekritiker in ständiger Angst um ihr Leben arbeiten, wird Tor zum unersetzlichen Arbeitsmittel. Aber: In allen Staaten, die versuchen, Tor zu blockieren, drohen Tor-Nutzern auch Strafen. Während sich einige Staaten mit erweiterter Überwachung begnügen, gehen andere rigoros vor. Appelbaum berichtete von standrechtlichen Hinrichtungen.

Ungefährlich ist seine Arbeit auch für Appelbaum nicht. Seine Schulungen führen ihn auch in Staaten mit bestenfalls unklarer Sicherheitslage.  Nach eigenen Angaben erhält Appelbaum inzwischen auch Morddrohungen von Einzelnen oder auch von Organisationen, die mit seiner Arbeit nicht einverstanden sind und ihn für eine Bedrohung halten. Und obwohl das Tor-Projekt mit öffentlichen Geldern der USA gefördert wird, so hat Appelbaum seine Nähe zu Vertretern der Enthüllungsplattform Wikileaks in jüngerer Zeit auch eine Menge Ärger eingebracht. Auf seinem Blog [1] berichtet er, wie er bei der Einreise in die USA und beim Umsteigen auf Flughäfen regelmäßig stundenlange Sonder-Überprüfungen über sich ergehen lassen musste, die häufig dazu führten, dass er den Anschlussflug verpasste. Appelbaum beschreibt diese Maßnahmen als „harassment“, also auf Zermürbung angelegte Taktik. Zu seinen Zuhörern war Appelbaum dann auch ganz offen: „Wenn ihr hört, dass ich gestorben bin, lasst euch nicht täuschen: es wird Mord gewesen sein.“

Appelbaum vergaß auch nicht, einen wunden Punkt anzusprechen, der den Westen betrifft: Oft sind es gerade westliche Unternehmen, die autoritären Staaten die benötigte Schnüffel- und Blockadetechnologie liefern und damit gute Profite machen. Auf diese Weise trügen sie jedoch zu weiteren Menschenrechtsverletzungen bei und machten sich mit schuldig. Appelbaum nannte einige Unternehmen während seines Vortrags und erhielt für seine klare Haltung Applaus von den Zuschauern.